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Schutzplätze für physische Werte

↑ IMAGE 1: Pool, in dem eine Wertmasse versteckt wird

Intro

Günter Baumann: Bilder-Pool – Zu den Arbeiten von Maks Dannecker. Böblingen, 2016

Fotografie muss nicht abbilden. Maks Dannecker verfremdet in ihren Arbeiten die Realität bzw. eine Gegenständlichkeit, die somit durchaus in Frage gestellt werden darf. Das war ganz und gar nicht die Intention der Fotografie, als sie im 19. Jahrhundert antrat, um der Malerei Paroli zu bieten. Die kam denn auch etwas in Bedrängnis, als eine Technik verfügbar war, mit der die reale Umgebung viel deutlicher und schneller erfasst werden konnte, als es die malende Zunft vermochte. Nur war das gerade ein Anlass für die klassisch bildenden Künstler, oftmals heimlich selbst zu fotografieren, um die Lichtbildnerei als Vorlage zu nehmen. Andere Künstler nahmen Abstand von der scheinbaren Objektivität der Fotografie und loteten die Möglichkeiten aus, in diesem neuen Medium selbst abstrakt arbeiten zu können. Dies hatte – was die Originalität angeht – zunächst auch seine Grenzen. Erst die digitale Fotografie konnte dem Medium im abstrakten Raum Qualitäten entlocken, die zu neuen Gefilden führten, sei es, dass konzeptuelle Überlegungen die Regie mitführten, sei es, dass experimentelle Prozesse neue Aspekte in die Fotografie brachten.

Maks Dannecker nennt eine ihrer aktuellen Werkserien geheimnisvoll »Contemporary Alchemy – Bullish«. Schon Goethe wusste, was die Welt regiert, und grad in seinem »Faust« stellt er nicht nur die (Gretchen-)Frage nach der Religion, sondern vielfach auch die Frage nach dem Geld und nach dem Gold. Zwar scheint das im »Faust« eingewobene Alchemisten-Thema dem Werk einen rückwärtsgewandt esoterischen Touch zu geben, doch genau das Gegenteil ist der Fall, berücksichtigt man die »neue« Alchemie, die dieses Hauptwerk der deutschen Literatur durchgeistert. »Nach Golde drängt, / Am Golde hängt / Doch alles«, lässt Goethe sein Gretchen sagen. Was häufig bei der Lektüre Goethes übersehen wird, ist dessen Kritik am kapitalistischen System, das damals keineswegs als solches schon erkennbar war, ja erst später von Karl Marx ins Visier genommen wurde. Goethe hat nachweislich dieselbe Literatur gelesen, die auch der Sozialrevolutionär als Grundlage seines Denkens konsumierte. Das ist nur ein Reflex, aber die zeitgenössische Alchemie, die Gier nach pekuniären Werten, die leider mehr und mehr die ethischen Werte verdrängen, lässt sich ja tatsächlich an den allgegenwärtigen Börsenkursen ablesen, die zwar nur für einen minimalen Prozentsatz der Bevölkerung wirklich relevant sind, aber in den Tageszeitungen mehr Raum einnehmen als der Kulturteil. »Bullish« ist ein Wort aus dem Börsenslang und meint die Aufwärtshoffnung für den Börsenkurs: Bulle und Bär stehen nicht zum tierischen Vergnügen vor den Börsen herum – sondern als Symbol, in diesem Fall die nach oben geführten Hörner des Bullen für den Kursanstieg.

Die in den 1970er Jahren geborene Maks Dannecker präsentiert in einer kurzen Video-Sequenz eine Geldzählmaschine, auf der verschiedene Euro-Scheine gebündelt werden. Dieser lautstarke, ja fast aggressiv fokussierte Prozedur, die in Fachkreisen leicht als quasi-ritueller Vorgang verklärt werden kann, beschwört in dramatischer Ausschnitthaftigkeit einerseits und in sehr ästhetischen Bildern andrerseits, was spätestens im Zuge der industriellen Revolution zum Motor der Wirtschaft wurde – wenn wir es in einen kulturhistorischen Kontext stellen, geht es um Mehrung des Geldes, von Werten, was im Börsenhandel reichlich fiktiv vonstatten geht, vergleichbar dem Bemühen einstiger Alchemisten, die glaubten, Gold im Keller herstellen zu können. Die Imaginationsfähigkeit der Geldbranche steht jener der Kunst kaum nach.

In diesem Bild- und Geldkontext häufen sich Pool-Bilder, die Maks Dannecker als »quasi unkonventionelle Optionen, Tresore zur Lagerung von Edelmetallen« beschreibt, mit einem Augenzwinkern: Was an dieser Aussage real, was fiktiv ist, verrät sie nicht. Die edlen Metalle sind zuweilen in den Bildecken als Störelemente der Wahrnehmung zu sehen. Extreme Schärfen und gewollte Unschärfen verschleiern dieses Motiv, das meist angeschnitten, menschenleer und daher fast gespenstisch ruhig ist – es kommt vor, dass ein kaum auffallender Fußball im Wasser treibt: Es gibt also Spuren. Für was, bleibt unklar. Maks Dannecker bekennt sich ausdrücklich zu realen, aber unnahbaren Situationen, die Geschichten evozieren, welche sich dann im Kopf des Betrachters abspielen. Maks Dannecker hat als ausgebildete Fotografin professionellen Einblick in die Welt des Goldes – sie fotografiert Münzen, Schmuck, das heißt, sie inszeniert den Wert, nach dem angeblich alles strebt. »Latentgold« heißt eine Arbeit, die eine Sprengung zeigt, deren aufwirbelnder Staub wolkengleich im Raum steht; ein künstlicher Himmel erfüllt das obere Bilddrittel – und wo ist das Gold, das der Titel verspricht? – Schall und Rauch, die Künstlerin schweigt. »Die Häuser der zeitgenössischen Alchemisten« nennt sie, die auktoriale Bestimmerin des Geschehens, eine Reihe von Bildern, die Schwarz-Weiß-Architektur zeigt, geheimnisvoll, undurchschaubar, aber unverkennbar präsent. Faszinierend ist diese Grauzone, die sich in den Fotos der Pool-Serie verlockend himmelblau gibt. Die Szenerien sind real und zugleich verfremdet, die Pools sehen aus wie Modellbauten. Oder sind es gar Modelle, die zur Fiktion einer realen Welt werden? »Kunst machen«, so Dannecker, »bedeutet für mich, eine fiktive Welt zu schaffen«. Da ist es unerheblich, ob sie von einer realen zu einer Kunstwelt findet, oder ob sie aus der Fiktion heraus eine reale Situation erzeugt, die eben auf einem erfundenen Fundament steht. Der Geld- bzw. Börsenmarkt steht ja auch keineswegs auf sicheren Beinen. Die positive Ausstrahlung der Pool-Welt macht deutlich, dass es der Fotografin jedoch nicht um eine politische Haltung geht, sondern um die Ästhetik des fragwürdigen Wertes und deren Schöpfung an sich. Maks Dannecker präsentiert ihr Werk am Rande der Abstraktion und erschafft mit bestechend klaren Motiven konzeptionell eine über-reale Fiktion.

Katalogtext zur Ausstellung: Kabinett# 19 – Maks Dannecker und Iris Caren von Württemberg im Böblinger Kunstverein, 2016.

 

 

Ulrike Guggenberger: Gespräch mit Maks Dannecker. Salzburg, 2012

„Die Natur des Menschen ist Kunst“
(Johann Gottfried Herder)

Maks’ künstlerisches Schaffen entwickelte sich prozesshaft, ohne Eile.
Von der Ausbildung her ist sie Fotografin. Mit den Jahren perfektionierte sie ihr Handwerk so, dass sie jede Situation zu meistern verstand. Ein Teil ihrer Arbeitsaufträge rekrutiert sich bis heute aus dem Bereich des Edelmetallsektors. Werbende Präsentation von Gold- und Silbermünzen sowie Produkte wie Goldbarren, Geldstempel, Geldzählmaschinen und Schließfächer etwa sind ihr tägliches Brot.

Wie von selbst stellte sich mit anwachsendem Basiswissen auch Interesse für den Hintergrund ihrer Arbeit ein. Von Objektaufnahmen kommt sie zu Architekturaufnahmen der großen Firmen und Edelmetallhändler, schreibt Internetpublikationen, Fachblogs über Wertmetalle und Edelmetallprodukte, und stößt vor zur Geschichte ihres Gegenstandes: Gold. Ein Wert, der bis heute seinen Glanz nicht verloren hat.
Gold und Geld, seit jeher eng mit dem Treiben des Menschen verbunden, gipfeln im Wunsch, Gold selbst herstellen zu können. Durchs gesamte Mittelalter geistern die Erzählungen erfolgloser Alchemisten. Noch heute werden Goldbarren aus Angst vor Verlust an geheimen Orten im Boden verscharrt. Noch immer sucht man den Wert des Geldes durch Gold zu erhöhen. Für manche eine fremde Welt – Maks kann sie dokumentieren und spricht dabei von zeitgenössischen Alchemisten.

Bewusst oder unbewusst – Maks beginnt nach eigenen Schätzen und Werten zu suchen. 
Sucht nach Querverbindungen zwischen Innen- und Außenwelt, um Leben und Arbeit in Bezug zu setzen. Zunehmend bekommt Ihre private Fotografie ein Eigenleben. Ausstellungsbesuche ordnet Maks als Erkundung ein, ist mit dem Geschauten (meist) nicht zufrieden und macht sich selbst auf den Weg. Zunehmend deutlicher wird ihr bewusst, wie sehr sie die reduzierte, stille, minimalistische Ästhetik ihrer persönlichen „heilen Welt“ braucht, sich darin aufgehoben fühlt. „Ich schreie nicht laut mit meiner Kunst“, sagt sie. Mit wenigen gestalterischen Mitteln, durch Hervorheben, Zurücknehmen, Einschleusen von Fremdkörpern, Formen und Farbpartikel erzählt sie Hintergrundgeschichten. Auf dem selben Blatt, Schichten des Erkennens vergleichbar, geht eine Geschichte in eine nächste über, ein unerschöpfliches Deuten. Fragmente aus ihrem beruflichen und privaten Alltag blitzen während ihrer Arbeit auf, sinken ein und tauchen als selbständige Bildelemente in ihrem Schaffen wieder auf. „Kunst machen, bedeutet für mich, eine fiktive Welt zu kreieren.“ Keine Postulate, keine weltverbessernden Phantasien, Maks sucht nach Wahrnehmungserweiterung. Recherche und Basiswissen immer vorausgesetzt.
 Und Maks liebt alttestamentarische Geschichten, entdeckt einen persönlichen Wert darin, alte Schriften auf die heutige Zeit hin zu interpretieren. Ihre bildnerisch-fotografische Übersetzung basiert auf einer sehr eigenwilligen Zeichensprache, drückt sich über ihren spirituellen Umgang mit Licht aus. Ihr berufliches Umfeld spielt immer mit herein. Hier wie da pflegt sie einen hohen ästhetischen Anspruch, sowohl für ihre angewandte als ihre freie Kunst. „Meine Motive dürfen nicht banal sein, ich will das Ungewöhnliche“, verlangt Maks von sich. Vom Betrachter ihrer Arbeiten erwartet sie eine ernsthafte Auseinandersetzung mit den Bildinhalten ihrer künstlerischen Fotografie.

Zur Autorin: Mag. Ulrike Guggenberger studierte Kunstgeschichte an der Universität Salzburg. Gründungsmitglied der Kunstinitiative KNIE. Projekte zu Kunst im öffentlichen Raum, freie Journalistin und Kunstvermittlerin am Museum der Moderne Salzburg.

 

Ulrike Guggenberger: Conversation with Maks Dannecker. Salzburg, 2012

“The nature of man is art”
(Johann Gottfried Herder)

Maks’ artistic creativity evolved processually, unhurriedly.
By training she is a photographer. Over the years she honed her craft until she could master every situation. To this day, one source of her commissions is the precious metal sector: the promotional presentation of gold and silver coins, as well as products such as gold bars, money stamps, money counting machines and lock boxes, for example, is her daily bread.

As her basic knowledge grew, an interest in the background to her work, as well, set in as if by itself. From shots of objects, she progresses to architectural shots of the big companies and precious metal dealers, writes Internet publications, specialist blogs about valuable metals and precious metal products, and pushes forward to the story of her subject matter: gold. A value that, to this day, has not lost its glister.
Gold and money, tied closely to human activity since time immemorial, peak in the desire to be able to produce money oneself. Tales of unsuccessful alchemists haunt the entire Medieval age. Still, today, gold bars are buried in secret places for fear of their being lost. Still, the search is on to enhance money’s value through gold. For some, an unknown world – Maks is able to document it and speaks, in the process, of contemporary alchemists.

Consciously or unconsciously – Maks begins to search for her own treasures and values. Searches for cross-connections between inner and outer world, in order to bring life and work into relation. Increasingly, her private photography develops a life of its own. Maks classifies exhibition visits as exploration, is (mostly) unsatisfied with what she sees, and sets off on the way herself. Increasingly clearly, she becomes aware of how much she needs the reduced, silent, minimalistic aesthetic of her personal “unblemished world”, how she feels safe in it. “I do not yell with my art,” she says. With scanty artistic resources, by emphasizing, withholding, sneaking in foreign bodies, shapes, and paint particles, she tells background stories. On the same sheet, comparable with layers of recognition, one story transitions into another, an inexhaustible process of interpreting. Fragments from her professional and private everyday flare up during her work, sink, and emerge again in her works as autonomous picture elements. “To me, making art means creating a fictitious world.” No postulates, no world-improving fantasies, Maks is looking to broaden perception. Research and basic knowledge are always presupposed. And Maks loves Old Testament stories, discovers a personal value in interpreting old writings for today’s times. Her artistic, photographic translation is based on a very wayward language of signs, expresses itself via her spiritual dealing with light. Her professional environment always plays an integral part. In all situations she upholds a high aesthetic claim, both for her applied and her free art. “I won’t allow my motifs to be banal, I want the unusual,” Maks demands of herself. Her expectation of her works’ beholder is serious confrontation with the visual contents of her artistic photography.

About the author: Mag. Ulrike Guggenberger studied art history at the University of Salzburg. Founding member of the art initiative KNIE. Projects on art in the public space, freelance journalist, and art educator at the Museum der Moderne, Salzburg.

Translated by Alexandra Cox, MSc. M.I.T.I., Cologne

 

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↑ IMAGE 2 – Installationsansicht im Kabinett in der Galerie in der Alten Post, D-Eislingen

Installation

Auszug aus der Eröffnungsrede “Heimat Fremde Heimat”, Galerie in der Alten Post – Kunstverein Eislingen
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[...] auch Maks Danneckers Welt ist die Fotografie – ganz anders jedoch kommt sie hier zum Einsatz – weniger konkret, eher faszinierend, magisch immateriell. Gleich einer geheimnisvollen Schatzkammer blickt man hinein, in einen abgedunkelten Raum. Vor der Wand schwebend, scheint ein eigenwillig körperloses, silbergold glänzendes Rechteck. Es steht geheimnisvoll im Verbund mit den ebenso durchlichteten Bildern, die ein Diaprojektor an die Wand wirft.
Dannecker geht der Frage nach, was es mit all jenen großen und kleinen Schätzen auf sich hat, die Menschen in Not an Orten zurücklassen müssen, an die sie womöglich nie mehr zurück kehren. Wo wären heute solche Orte zu finden, die Horte unserer Zeit?

Dr. Annette Schmidt: Kunstverein Eislingen, Galerie i. d. Alten Post. 19.11.2011

[...] Photography is Maks Dannecker’s world, too – however, here it is put to use in an entirely different form – less concrete, rather fascinating, magically immaterial. Like a mysterious chamber of treasures, one looks in, into a darkened space. Suspended in front of the wall, an unconventionally incorporeal, silver-gold gleaming rectangle shines. It stands mysteriously in association with the equally luminescent images that a slide projector casts onto the wall. Dannecker pursues the question, what is it with all these large and small treasures that people in adversity are forced to leave behind in places they may never return to. Where would we find such places today, the troves of our times?

Dr. Annette Schmidt: Kunstverein Eislingen, Galerie i. d. Alten Post. 19.11.2011
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