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Maks Dannecker

  • Uwe J. Reinhardt: Maks Dannecker. New York City, 22. August 2014

Abstraktionsverfahren haben erstaunlicherweise eine poetische Qualität, die Bildräume zu starken Wahrnehmungskonstrukten führen kann. In diesem Sinne findet Maks Dannecker mit ihren fotografischen Arbeiten und Skulpturen eine sehr eigenständige Form von Nachbildern und Störungen. Tonwerte und Farbwerte sind analytische Kriterien für das verfertigen der Werke. Mittels technischer Hilfswerkzeuge gelingt es der Künstlerin eine bearbeitende Erforschung vorgefundener, abgebildeter Bilder, die durch einen Veränderungsprozess zum eigentlich neuen Bild verwandelt werden. Es ist allerdings kein Zauber, sondern eben das konsequente Nutzen digitaler Bildverarbeitungswerkzeuge. Referenzen werden gesetzt, Ausschnitte geschnitten, Gliederungen herangezogen, oft unabhängig vom Bildmotiv findet eine strenge Analyse statt, die neue Anordnungen und Bezüge setzt. Markierungspunkte oder technische Kommentare oder Zeichen werden integriert und sind Anlass für ästhetische Findungen. Die Farbigkeit wird gescannt und im Labor der Veränderung streng und ohne Kompromisse verarbeitet. Der Bildraum wird getroffen, gesetzt und aufgelichtet: „Auflichtung des wieder erkennbaren Bildraumes“. Zwischenschritte sind dabei für den Prozess wichtig, in gewisser Weise mag dies an die ausdrucksstarke Kraft der Ikonostase erinnern. Transformationsprozesse, technische Vorgänge, aber künstlerische Entscheidungen. Fremdkörper werden eingeschleust und als fast zeichnerische Störung zu einem Bild reduziert oder besser: dekonstruiert. Einschlüsse, wie in Bernstein, sind ohne Drama beteiligt, Fremdkörper, Partikel als Geschichte aus dem Alltag einer Alchimie ohne Mythos.

Mittels Farbcodes, bezogen auf die Raum- oder Bildsituation, entstehen erste Scribbles, die dann über verschiedene Stufen zum fertigen Objekt werden. Die entstanden Fotografien sind mehr als Slides oder Bilder, werden mehr und mehr Objekte, die sich in installationsartigen Situationen präsentieren müssen und Räume wieder gestalten. Es gibt keine „Message“ oder latente Transzendenz, keine religiöse Schichtung. Die Verbindung kommt aus der Strenge der Vorgabe. Festhalten von Bezugspunkten, schnelle Erfassung der Abschnitte und Kapitel. Neben den Tonwerten werden jedoch auch poetische Werte oder Befindlichkeiten von Räumen für die Definition der Narration genutzt. Die manchmal fluoreszierende Farbigkeit, oft nur in einem kleinen Detail, verrät auch eine feine Beobachtungsgabe.

Maks Dannecker scannt die Archive der Wirklichkeit wie Tresore voller Gold, die räumlichen Konfigurationen unserer Alltagswelt mit Bedacht. Sie arbeitet großartig die gestalterische und formale Befindlichkeit aus und schafft mit ihren Eingriffen und Verwandlungen eine virtuelle Raumwelt konkreter Kunst. So werden mit Farben und Formen, wie in digitalen Medien an der Tagesordnung, mit den Analysetools der technischen Welt, neue Objektwelten ermöglicht. Die Arbeiten sind ohne Durcheinander und ohne Eile, sie sind messerscharf gesetzt und daselbst einwiegend. Sie ziehen eine klare Bahn, wie Satelliten – Leibwächter und Begleiter. Beschreibung, Deutung und Interpretation. Unschärferelationen werden wie Codes gesetzt, Reiseführer für eine lange Weile. Der technische Tonfall ist nicht direkt bedeutsam. Alles ist auf schlaue Weise unkompliziert.

Freilich gibt es Bezüge zu ähnlichen Zugängen, man mag es als konzeptionelle Fotografie oder bildgebendes Verfahren bezeichnen. Maks Dannecker stellt sich der Auflichtung des wiedererkennbaren Bildraumes. Schwarzblaue Mischtönungen. Gerhard van der Grinten und Annette Schmidt schrieben: „Ein Unterfangen, das nach wie vor erstaunlich schwierig ist. Suchen doch das Auge und der Instinkt immer etwas, das sie kennen, das sie erklären und einordnen können, noch in unfassbarsten Schemen, noch im allergraphischsten Clair-Obscure. Hier aber nun wird eben dieses sichere Wohlgefühl entzogen. Nach wie vor sind Räume zwar erkennbar. Durch Reduktion, Konzentration, durch das Vexierspiel der Montage entrücken sie jedoch zunehmend der Realität, auch wenn man allzu gerne bereit ist, sie dafür halten zu wollen. Sind sie Konstrukt, sind sie Gedankenpalast? Charade? Nun, eines ist gewiss, sie lassen einen so schnell nicht los, untergründig, dafür aber umso nachhaltiger: was immer auch ihre Anspielung uns bedeutete …“

Diese bedrängende Nachhaltigkeit der Nachbilder ergibt quasi eine Endlosschleife, ein Leitsystem. Die latenten Scribbles werden bestimmte Samples und harte Setzungen. Sie sind äußerst sicher und dennoch poetisch. Beschreibungen und Einschreibungen in der Bezeichnung. Es mag verwundern, aber so haben die Objekte auch mehr mit der klassischen Zeichnung, der Skizze zu tun, als man zunächst erwarten würde. Die Ruhe und Perfektion, die konstruktive Unaufgeregtheit, die sichere Erkundung von Form und Wert, beeindruckt zum Zwecke der Konkretisierung.

So mag es gelingen, dass aus komplexen Recherchen und ausgeprägten Analysen von Schauplätzen auch wieder Plätze feiner Qualität werden. Die Materialität ist jedenfalls erstaunlich und die Beschreibungspotenz passt. Die Zwischenschritte wären vielleicht auch dazu da Sicherheit zu gewinnen für die Position, die hier besetzt wird. Man kann die Arbeiten von Maks Dannecker „so stehen lassen“, weil sie eine größtmögliche Selbstverständlichkeit angenommen haben „und gute Fahrt verheißet den Schiffern“ (Hölderlin.)

Uwe J. Reinhardt
New York City, 22. August 2014

  • Uwe J. Reinhardt: Maks Dannecker. New York City, 22. August 2014

Methods of abstraction astonishingly have a poetic quality that can lead visual spaces to form strong perceptual constructs. With this in mind, Maks Dannecker finds a highly autonomous form of after-images and disturbances with her photographic works and sculptures. Tonal ranges and colour values are analytic criteria for the making of the works. With the help of technical auxiliary tools the artist accomplishes an editing exploration of found, portrayed images which, by means of a change process, are transformed into what is in fact a new image. However, this is no magic, but precisely the consistent use of digital image processing tools. References are set, image details are cut, structures are called out; often independently of the image motif a strict analysis is performed, which sets new arrangements and relations. Marking points, technical comments or symbols are integrated and give rise to aesthetic findings. Colour is scanned and is strictly and uncompromisingly processed in the laboratory of change. The visual space is captured, set and brightened: “Brightening of the recognizable visual space.” Intermediate steps are important for the process; in a certain manner this may recall the expressive force of iconostases. Transformation processes, technical proceedings, but artistic decisions. Foreign bodies are slipped in and reduced, as an almost graphical disturbance, to an image, or better: are deconstructed. Inclusions, as in amber, are involved without drama; foreign bodies, particles as history from the everyday of an alchemy without myths.

With the help of colour codes, referring to the spatial or visual situation, initial scribbles are created which then, over various stages, become the finished object. The resulting photographs are more than slides or images; more and more they become objects that must present themselves in installation-like situations and re-configure spaces. There is no “message” or latent transcendence, no religious layering. The association arises from the severity of the objective: to establish reference points, to record quickly the passages and chapters. In addition to the tonal ranges, however, spaces’ poetic values or states of mind are also used in order to define the narration. The sometimes fluorescent colour, often only in a small detail, also betrays an acute gift for observation.

Maks Dannecker scans the archives of reality like safes full of gold, the spatial configurations of our everyday world with circumspection. She excellently elaborates the creative and formal state of mind and, with her interventions and transformations, creates a virtual spatial world of concrete art. Therefore, using colours and shapes, no unusual method in digital media, using the technical world’s analytic tools, new object worlds are enabled. The works are uncluttered and unhurried, they are set knife-sharp and lull the viewer. They trace a clear trajectory, like satellites – bodyguards and companions. Description, explanation and interpretation. Relations of blurriness are set like codes, travel guides for a long while. The technical intonation is of no direct significance. Everything is cleverly uncomplicated.

Admittedly there are references to similar approaches; it may be described as conceptual photography or imaging method. Maks Dannecker sets about brightening the recognizable visual space. Black-blue mixed tones. Gerhard van der Grinten and Annette Schmidt wrote: “An undertaking that continues to be astonishingly difficult. After all, the eye and the instinct always search for something that they know, that they can explain and classify, even in the most incomprehensible schema, even in the most graphic chiaroscuro. Here, though, precisely this secure feeling of ease is withdrawn. Though spaces continue to be discernible, as a result of reduction, concentration, as a result of the distorting game of montage they increasingly draw back from reality, even when one is all too willing to take them as such. Are they a construct, are they a castle in the air? Charade? Well, one thing is certain, they stay with you a while, under the surface, but all the more lasting for that: whatever their allusion meant to us… .”

This besetting lastingness of the after-images produces, so to speak, an infinity loop, a guidance system. The latent Scribbles become definite samples and hard sediments. They are extremely certain and yet poetic. Descriptions and inscriptions being named. It may be surprising, but this way the objects also have more to do with the classic drawing, the sketch, than one would expect at first. The calmness and perfection, the non-excitability of design, the confident exploration of shape and value, impresses for the purpose of concretization.

So it may be achieved that complex research and keen analyses of locations turn out places of exquisite quality again. The materiality is at any rate astonishing and the descriptive power fits. The purpose of the intermediate steps might perhaps also be to gain certainty for the position which is occupied here. One can leave Maks Dannecker’s works “as they are”, because they have assumed a maximally possible self-evidence and “promised a good voyage to mariners” (Hölderlin).

Uwe J. Reinhardt
New York City, August 22, 2014

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Publikation: 

Maks Dannecker: Schutzplatz | Ferrum (2012-2014)
2015, Salzburg: Artbook Verlag
ISBN 978-3-9503492-6-9

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